allerwelt

 

Allerwelt ist eine Flüchtlingssiedlung am Rande Wiens. Es liegt isoliert von der Stadt auf dem Grund eines Kasernengeländes, das im Ersten Weltkrieg errichtet wurde. Rundum Wälder, der Fluss, die Autobahn, das Kraftwerk, das Einkaufszentrum. In Allerwelt leben Gestrandete, die im Laufe eines halben Jahrhunderts den Krisen und Kriegen ihrer Weltgegenden zu entfliehen suchten. Sie haben nichts gemeinsam, außer am selben Ort angekommen und nicht mehr fortgekommen zu sein. Sie bilden zusammen eine Gemeinschaft ohne Zusammenhang. Ihre Geschichten überlagern sich im Raum von Allerwelt.

So etwa die Geschichte von Gaspar, dem ungarischen Grenzsoldaten, der die Nächte heimlich in den angrenzenden Weinkellerbergen verbrachte; die Geschichte von Yasar, dem türkischen Transsexuellen und der Sexarbeit; die Geschichte von Malalai, der afghanischen Ärztin, die Hundefutter verpackt; die Geschichte von Fatima, einer Somalierin, die mit ihren Zwillingstöchtern  über Nacht auf die Straße gesetzt wird; die Geschichte von Naseer, dem jungen Iraker, der in einem Bunker Allerwelts ein SS-Gewehr findet; die nicht erzählte Geschichte von Thien,  dem alten Vietnamesen, der schweigt; die Geschichte von Anat, der Jüdin, die von ihren Eltern auf ihrem Weg nach Zion zurückgelassen wurde; die Geschichte von Tereza, der Tschechin, und dem Versuch, dem Tag das Glück abzutrotzen; die Geschichte von Guillermo, der aus der Folterkammer Pinochets nach Allerwelt kam, wo er mit den Hunden lebt.

Mit Mila Katz, der Hauptfigur des Stücks, tritt die Sehnsucht nach dem Zusammenhang in die Zusammenhanglosigkeit. Es sind die Diskontinuitäten und Brüche in ihrer eigenen Biographie, die sie dazu bringen den Ort der Diskontinuitäten und Brüche aufzusuchen. Sie tut das in der Hoffnung, diese kitten zu können, Zerrissenes in jene verborgene Ordnung zu fügen, die sie vermutet. Allerwelt birgt ein Geheimnis. Der Ort trägt die Aura des Geschichtsträchtigen. Das Mittel des Zusammenhangs wird das Erzählen. Und mit dem Erzählen das Gedächtnis, das als die Medizin fungieren soll, um diese Krankheit, das Fehlen von Identität, zu heilen. Mila Katz ist die Figur einer ästhetischen Integration. Mila Katz ist ein Zusammenhang. Durch die illusionäre Identifikation, die zwischen ihr und den Menschen entsteht, auf die sie trifft, wird eine gemeinsame Erzählung geschaffen. Dies geschieht auch über das Gedächtnis der Dinge. Mila Katz sammelt die Dinge, die aus ihrem Kontext gefallen und von der Bedeutungslosigkeit bedroht sind. Sie führt sie aus dem persönlichen Gedächtnis einzelner Allerweltsbewohner in ein kollektives. Sie schafft mit diesen Dingen das Museum der Namenlosen und dadurch einen neuen Zusammenhang. Namenlos ist das Museum, weil die Geschichten namenlos und unzählig sind. Sie könnten auch von anderen sein.  

 

 

 

 


 

Auszeichnung:
Gewinner Stück/für/Stück und Hans Gratzer Stipendium, Schauspielhaus Wien 2011

Pressestimmen

Das Stück beim HS-Verlag

 

Uraufführung
20. März 2014, Schauspielhaus Wien