Hausautorenkolumne von Philipp Weiss 

Kolumne 1: November 2013
Der Satz
 
Da vor einigen Millionen Jahren der tropische Regenwald Afrikas sich aufgrund klimatischer Veränderungen zurückzubilden begann, die Hominiden dadurch zusehends von den Bäumen und in die Buschsavanne getrieben wurden, dort das unwahrscheinliche Experiment wagten, sich als Vierfüßler auf den Fußsohlen ihrer Hinterpfoten aufrecht zu halten, fortan also den Mund nicht mehr zum Greifen brauchten, dadurch das Küssen und das Sprechen erfinden konnten, durch die Evolution der Hand mit Steinen zu werfen begannen, so die Idee der Distanz entdeckten und mit dieser das Abwesende und zu dessen Bezeichnung das Wort; da mit dem Wort das Denken kam und mit dem Denken das Zählen und das Erzählen und mit dem Erzählen das Ich, das Göttliche, das Gewesene, das Zukünftige, das Mögliche und Unmögliche, und mit alledem die Freiheit kam und auch die Herrschaft, die Unterwerfung, und so die Sesshaftigkeit, durch diese der Besitz, so die Fabel der Heimat und mit der Heimat das Fremde, die Mauer und der Krieg und mit dem Krieg die Epen und mit den Epen die Geschichte der Literatur, und mit der Mauer der Platz kam und mit dem Platz die Versammlung, und mit der Versammlung die Politik und das Theater und mit dem Theater die Maske, die Verwandlung, die Illusion; und da die Cäsaren in der Illusion ein Mittel der Herrschaft sahen durch Brot und Spiele und die Welt verwandelten in den Horizont ihrer äußersten Ambitionen, in Ressource und Einflusszone; und da sie einmal das Theater feierten als Repräsentation ihrer Macht, ein andermal es verboten als Hort des Widerstands; und da aus der Demokratie Totalitarismus wurde und aus der Vernunft Barbarei und aus dem Theater Propaganda und aus dem Erzählen das Zählen der Leichen, und sich die Menschen selbst zerfleischten in den totalen Kriegen; da schließlich das Leben weiterging, sich aus den Trümmern formierte, mir nichts, dir nichts, die Theater neu errichtet wurden zur Selbstrepräsentation der stolzen Kultur, zur Selbstbefragung bald, zur Selbstkritik, zur Selbstgeißelung, Selbstvernichtung; da also das Erzählen weiterging und die Wirklichkeit weiterging und ebenso die Illusion, und diese sich zu guter Letzt hübsch einordnen ließ in das große, gleichmütige Festspiel des Marktes und neue Häuser entstanden und neue Namen und neue Preise, darum kann ich, glücklicher, kleiner Hausautor, diesen Satz nun schreiben. Und jetzt?

 

 

Kolumne 2: Dezember 2013
Risse

There’s a crack in everything. That’s how the light gets in.
(Leonard Cohen)
 
Am Anfang steht eine Wunde: das Drama der Geburt. Ich komme in die Welt durch den aufgerissenen Körper meiner gebärenden Mutter. Und erst das Durchschneiden der Nabelschnur, eine Verletzung, macht einen eigenen, neuen Körper. Ein Leben lang bleibt mir die Narbe und spricht von dieser ersten, alles öffnenden Wunde.
Als Schreibender befasse ich mich mit Rissen, kaum mit anderem. Zuallererst mit jenen der Sprache. Ein französischer Dichter verglich das Wesen der Sprache mit dem schweigenden Austausch abgegriffener Münzen, deren eingravierte Symbole man nicht mehr lesen kann. Das nie endende Gemurmel, das Strömen der Nachrichten, Schlagworte, Ansprachen und Kaffeekränzchen ist ein leeres Rauschen. Es ist so glatt, dass jeder Sinn daran abrutscht. Dem gegenüber steht etwas, das mich interessiert: das Schweigen, das Stottern, jener Moment, in dem der souveräne Redefluss stockt und sich seiner selbst mit einem Mal nicht mehr sicher ist. Die glatte Sprache bekommt einen Riss. Es ist eine poetische Revolution. Sie öffnet sich für das Traumhafte, die Assoziation, den Klang der Stimme, den Rhythmus und die Vielheiten des Sinns.
Ich suche die Risse auf und schreibe über sie. Eine Reise ist nicht genug, um einen wahren Bruch zu erzeugen. Es muss an eine Grenze gehen. Die Grenze ist als Schwelle dem Riss vergleichbar, ein Ort des Übergangs. Sie ist jedoch auch eine Gegenfigur, die der Glätte und Geschlossenheit. In seiner totalitären Ausformung wird sie absolut gesetzt. Der arische Vorzeigekörper und der reine, geschlossene Staatskörper sind Phantasmen, die den Riss leugnen. Einmal reiste ich für eine Recherche an die europäische Außengrenze nach Ceuta. Ich hatte Bilder gesehen, auf denen die Haut von Händen durch Stacheldraht zerrissen war. Mit meinem EU-Pass ging ich über die Grenze nach Marokko, einen Schritt vor, einen zurück. Ich konnte keine Barriere fühlen, niemand beachtete mich. Keine Sirenen, Maschinengewehre, Gasangriffe. Die Sonne wärmte mir angenehm die Haut. Diese Grenze musste eine Fiktion sein, ein Märchen?
Der Riss ist in allen Dingen,  Zuständen und Momenten, die Schwelle zu deren Verkehrung oder Zerstäubung, dasjenige, das zwischen dem Wahrnehmbaren und dem liegt, das es zu verbergen, zu beherrschen gilt. Das Theaterstück ist eine Weltrissminiatur.

 


Kolumne 3: Jänner 2014
Erbe

 

Nur deshalb spricht man so viel vom Gedächtnis, weil es keines mehr gibt.
(Pierre Nora)
 
In welche Geschichte bin ich geboren? Was erbe ich als ein im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa Denkender und Schreibender? Ich erbe eine Auslöschung. Die europäische Kultur, und allem voran die österreichische seit der Jahrhundertwende, war eine funkensprühende jüdische Kultur. Es waren jüdische Intellektuelle, die diese Zeit prägten: Freud, Schönberg, Zweig, Kafka, Buber, Reinhardt, Meitner und viele andere. Diese Kultur wurde ausradiert. Die Frage, woran wir da glauben, wenn wir an die Vernunft glauben, an die Demokratie, die Aufklärung, die Wissenschaft und die Kunst, wenn wir also an eine Kultur glauben, die an ihrem Gipfel in ihre eigene Pervertierung umschlägt, in die bewusste, kalkulierte und rationalisierte Vernichtung, ist für mich ungelöst. Was erbe ich? Ich erbe eine Absenz, die auf diese Vernichtung folgte, eine pseudoreligiöse Repräsentationskultur, in der Kehrtwende einen wüsten Angriff auf diese Burgfassade, ein Auskotzen der Gewalt mit den Mitteln der Sprachkritik und des Aktionismus, ich erbe die Tirade, das Anti-Heimatstück, die Misanthropie, die Sprachzertrümmerung, die Fäkaliendramen und die Auflösung jeder Form. Ich erbe die Verdrängung hier und die Negativität dort. Und vielleicht, in seltenen Momenten, einen gewagten Vorstoß ins Ungesicherte, in ein fragendes, offenes Land. Doch ich erbe auch eine weitere Auslöschung, eine, die auf all das folgt: die des Erbes selbst. Ich denke und schreibe in einer Kultur, die nichts mehr zu erben meint. Es ist eine Zeit, die sich der gesellschaftlichen In-vitro-Fertilisation verschrieben hat und mithilfe einer Pränataldiagnostik alle Erbkrankheiten im Labor auszumerzen gedenkt. Alles Vergangene wird so zum Pool, ohne Zusammenhang, ohne Bedeutung und ohne Geschichte. Das Erbe wird zum bloßen Recht, sich an den Toten frei zu bedienen. Und sich den Nachfolgenden aufzudrängen. Verbindlichkeiten werden ausgeschlagen. Schulden nur gemacht. Ich erbe eine Klon- und Samplingkultur, in der ebenso alles möglich wie nivelliert ist. Doch ich möchte das Erbe anders verstehen: als die Notwendigkeit der Übertragung des Materiellen und Immateriellen, als Gedächtnis und als Schleuse, die das Denken, Schreiben und Handeln der Gegenwart wieder überschreitet hin zum Vergangenen und Kommenden.

 


Kolumne 4: Februar 2014
Verwandlungen
 
Ein japanisches Märchen erzählt von einem Maler, der tagein, tagaus Karpfen malt. Eines Tages jedoch erkrankt er schwer, sodass seine Seele im Traum aus dem Körper und zum Biwa-See wandelt, wo sie dem Wassergott begegnet, der sie in einen Karpfen verwandelt, der wiederum von einem Fischer gefangen wird, in eine Küche kommt und dort in den Topf, worauf der kranke Maler im Bett erwacht, eilig einen Boten sendet, der den Fisch rettet, wodurch der Maler gesundet, zum Dank an den Biwa-See pilgert, dort seine Karpfenbilder versenkt, sodass die Fische sich von den Leinwänden lösen, um frei im See zu schwimmen.  
Geschichten haben immer mit Verwandlungen zu tun. Ich schreibe über einen Käfer, um ein Käfer zu werden. Im Nachlass von Ernst Jandl befindet sich ein Blatt. Ein dutzendmal steht darauf das Wort „ich“, jedes Mal in einer neuen Zeile und jedes Mal durchgestrichen. Er schreibt „ich“, um einen Satz zu beginnen, streicht es durch, schreibt wieder „ich“, und da das Blatt zu Ende ist, hat er die Biographie eines geglückten Lebens geschrieben. Die Geschichte belässt nichts bei sich. Sie trägt in sich den „Wunsch, Indianer zu werden“, wie Kafka schreibt, auf dem „rennenden Pferde, schief in der Luft“ und der Auflösung entgegen, „bis man die Sporen lässt, denn es gibt keine Sporen, bis man die Zügel wegwirft, denn es gibt keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sieht, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“ Der Text verwandelt mich in eine andere. Die Schauspielerin, die ihn spricht, verwandelt sich in einen anderen. Und auch der Zuschauer, der ihn hört, kann sich selbst für einen Moment überschreiten. So können wir pferdekopflos werden, Seiltänzer werden, Zebra in der Prärie werden, Balletttänzer, Fischer in Wladiwostok. Wir können wir werden, Frau werden, Fabeltier werden, japanisch werden, Liebe werden, verrückt werden oder Weltkrieg werden, Zukunft werden, Europa werden, luftleer werden, sprachlos werden, Bild werden,       

   
werden

 

 

 

 

 

 

 

 

werden.           

 

 

 

 

 

 

Kolumne 5: März 2014
Zwiebelfisch
 
Ich halte einen Gegenstand in den Händen, der nichts bedeutet. Es handelt sich um ein kleines Stück Holz, eine Schnitzerei womöglich, vielleicht auch nur ein Fundstück vom Waldboden, walnussgroß, abgegriffen, eine halbe Kugel, doch von Rillen durchzogen, aus deren ebener Seite etwas empor steht wie ein Rumpf . Man könnte meinen, es habe früher einmal eine zweckmäßige Form gehabt und sei bloß zerbrochen, doch finden sich dafür keine Anzeichen. Es ist nur ein Ding. Ich könnte es kurzerhand wegwerfen. Auf den Berg der aus jedem Zusammenhang entlassenen Reste. Doch das gelingt mir nicht. Denn ich fand das Ding in jenem schmalen Karton für Inkontinenz-Windeln, der den gesamten Nachlass meiner Urgroßmutter bildet. Neben einem Bündel Briefen, einigen Dokumenten, Schmuck und verblichenen Bildern war es, aufbewahrt wie ein Schatz in einer kleinen mosaikverzierten Schatulle. Niemand in der Familie kann mir Auskunft darüber geben, was das Ding ist. Die, die es wussten, sind tot. Die Bedeutung ist mit der Erinnerung verschwunden. Also beginne ich zu lesen, die Briefe, auf dem vergilbten Papier, die ich kaum entziffern kann, da die kleinen Miniaturen in Kurrentschrift geschrieben sind. Es handelt sich um Briefe, die meine Urgroßmutter ihrem Mann geschrieben hat während des Krieges. Liebster! Lieber Meiner! Mein geliebter Toni! Daneben finde ich den Todesbescheid der Wehrmacht. Ihr Ehegatte, Anton H., wurde bei Charkow, UdSSR, von einem feindlichen Panzer überrollt. Dann erst finde ich den Satz in den Briefen. Da steht: Liebster, Tag und Nacht halte ich deinen Zwiebelfisch in meiner Faust und bete. Mein Urgroßvater war Schriftsetzer in einer Druckerei gewesen. Zwiebelfische nannte man in der Branche jene Lettern, die versehentlich in einer anderen Schriftart gesetzt waren, Ausreißer, kleine Fehler im Schriftverlauf. Liebster, Tag und Nacht halte ich deinen Zwiebelfisch in meiner Faust und bete. Und das Bedeutungslose in meinen Händen verwandelt sich. Aus dem bloßen Ding wird eine hybride Holzfigur, halb Zwiebel, halb Fisch, wohl ein Geschenk meines Urgroßvaters an seine Frau, ein Symbol, ein Erinnerungsstück schon für sie, abgegriffen und durchtränkt vom Angstschweiß ihrer Hände. Um das Gedächtnis der Dinge aufrechtzuerhalten, braucht es die Sorge der Menschen. Das Ding an sich bedeutet nichts. Verschwindet der Zusammenhang, bleibt nur die Spur. Allein das Erzählen und immer weiter Erzählen steht gegen das Verschwinden.


 

Kolumne 6: April 2014
Poelitik
 
Die Sprache ermöglicht uns, nicht hinschauen zu müssen, schreibt Paul Valéry. Wir wissen zwar alsbald, was „Bäume“ sind, aber sehen können wir es nicht. Was wir sehen, sind vage Gesten des Umreißens. Was wir wahrnehmen, ist diffus und in Wandlung. Das, was wir Wahrheit nennen, ist ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen, das uns nach langem Gebrauch fest, kanonisch und verbindlich dünkt, schreibt Nietzsche. Kaum hat die Sprache eine Wahrnehmung ermöglicht, endet die Wahrnehmung. Sie erstarrt, wird zur Phrase oder zum Mythos. Es scheint, als seien die einzigen Mittel des Menschen, die Welt und sich selbst zu begreifen, nämlich die Sprache und das durch sie geformte Denken, von Anfang an korrumpiert. Durch jenen Natürlichkeitsschleim der Begriffe; durch jene Täuschung, bei den Worten handle es sich um eine zweite Natur. Wie viel Leid – um nur ein Beispiel unter unzähligen herauszugreifen – wäre uns alleine erspart geblieben, hätten wir uns rechtzeitig des Wortes „Heimat“ entledigt, das, wie Vilém Flusser schreibt, in keiner Sprache sonst als in der Deutschen heimisch ist? 
Die Sprache läuft der Wirklichkeit hinterher. Sie kommt immer zu spät. Wie der Blick in den Sternenhimmel, in dem ich nur das sehe, was vor tausenden Jahren am Himmel war. Wir haben noch nicht die Worte, Formen und Narrative, um eine Welt nach dem 11. September zu denken, um eine Welt der Digitalisierung und Hyperrealitäten zu denken, um Raum und Zeit zu denken in einer Epoche der Vernetzung und Dissoziation, der Menschen-, Finanz- und Warenströme. Womöglich haben wir noch keine Sprache, um das entsetzliche Erbe und Schweigen zu fassen, das das letzte Jahrhundert hinterlassen hat.
Hätten wir das Wort, hätten wir Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht, schreibt Ingeborg Bachmann. Doch bleibt uns derweil nichts anderes, als auf das mangelhafte, das tückische Wort zu setzen. Denn wir sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil wir mit Sprache begabte Wesen sind. Erst das können wir handelnd verändern, was wir sprechend denken können. An dieser Stelle treffen sich Poetik und Politik. Da es die Literatur ist, die die Sprache immer wieder ihrer Unschuldsmiene beraubt, ihre Macht bloßlegt, sie das eine Mal zertrümmert, das andere Mal sanft abtastet, sie fremd werden lässt, unvertraut und sperrig, sie an der wunden Wirklichkeit misst und sie dieserart, in ihren besten Momenten, mit neuer Fassungskraft ausstattet. Die Literatur ermöglicht uns, hinschauen zu müssen.

 

 

Kolumne 7: Mai/Juni 2014
Vom Fragen

Ich verstehe nichts. Das heißt, ich verstehe eher nichts als etwas. Verglichen mit alledem, was ich nicht verstehe, nimmt sich das, was ich verstehe, ärmlich aus. Die Dinge, die ich zu verstehen meine, kann ich an einer Hand abzählen. 1: Alles ist unverständlich. 2: Der Mensch ist klein. 3: Ohne Liebe bin ich tot. 4: „alles“, „Mensch“, „Liebe“, „tot“ und „Ich“ sind unverständ­lich. 5: Die Punkte 1, 2, 3, 4 sind demnach unverständlich.
Das mache ich immer wieder, und es beruhigt mich. Es ist beruhigend, zu verstehen. Für einen kurzen Moment. Dann wird mir wieder klar, dass ich nichts verstanden habe, und die Verzweiflung kommt zurück. Ich bin nicht naiv. Darum verstehe ich nichts. Mich selbst etwa verstehe ich nicht, ich bleibe mir ein Rätsel. Meinen Körper verstehe ich nicht. Ich verstehe meinen Körper als Ganzen nicht, aber auch einzelne Organe verstehe ich nicht. Das Internet verstehe ich nicht. Joyce verstehe ich nicht. Diesen Krieg verstehe ich nicht und jenen ebenso wenig. Die Liebe verstehe ich nicht. Schwedisch verstehe ich nicht. Die Finanzkrise verstehe ich nicht. Das Wachsen einer Blume verstehe ich nicht. Das Universum verstehe ich selbstverständlich nicht. Selbstverständlich scheint alles.
Das Verstehen gibt es nicht. Es ist nicht, wofür wir es halten. Es ist kein Effekt unseres Intellekts. Es ist keine Frucht der Kognition. Es ist das Gegenteil. Es ist der Moment, in dem das Denken sich eine Pause gönnt, in dem es durchatmet. Das Verstehen ist ein Affekt. Es ist die Resignation des Weiterfragens.
Ich frage also weiter. Indem ich weiter schreibe. Indem ich weiter frage, ob es sich mit dem Stehen im Verstehen womöglich so verhält wie mit dem Fahren im Verfahren? Dann könnte ich also sagen: „Erst stand ich nur so da, doch irgendwann habe ich mich verstanden.“ Leider ergeht es mir nicht so. Wenn ich etwas ver-stehe, um-stehe ich es, ich umstelle es, kreise es ein, beherrsche es. Ich habe Macht darüber. Wenn ich etwas be-greife, bekomme ich es zu fassen. Doch was ich da in den Händen halte, ist nicht das Leben. Es hat sein Leben schon ausgehaucht und ist unter meinem Griff erstarrt.
Was ich im Schreiben suche, ist das Entwischen. Ich suche den Bereich auf, in dem die Sprache noch stottert, in dem sie noch fragt und nicht schon objektivierend antwortet. Ich möchte verständnislos sein, doch nie ohne Verstand. Ich möchte das Theater als ein Fragen (miss)verstehen, das in keiner Suchmaske Platz findet. Es könnte ein Fragen sein, das aus dem Staunen kommt, aber auch aus dem Entsetzen, das diejenigen, die allzu gut sitzen, nicht kennen. Die Antwort gibt das Publikum.

Philipp Weiss war in der Spielzeit 2013/14 gemeinsam mit Anne Habermehl Hausautor am Schauspielhaus Wien.